Christoph Reinprecht
Katalog zur Sonderausstellung im Wienmuseum 2012: Besetzt! Kampf um Freiräume seit den 70ern
S 80-84
I.
„Robert Waldhäusl, Klavierbau und Leihanstalt“.
Ich war 17, als ich mich häufig im siebten und achten Bezirk herumtrieb und Fotos von den alten Häusern schoss, mit ihren abgeblätterten, düster-melancholischen Fassaden, aus der Biedermeier— und Barockzeit stammend, manche von ihnen bereits verlassen, vernagelt, abgepölzt. Über dem Firmenschild, etwas versetzt, eine Tafel, die an den Geburtsort des Malers Friedrich von Amerling erinnert. Direkt über dem Hauseingang, von freier Hand gemalt, in großen Lettern auf weißem Hintergrund. die Aufschrift: „Zentrum“. Darunter in kleinerer Schrift, als präzisierender Zusatz: „Amerlinghaus“.
Seit dieser ersten Begegnung sind bald vier Jahrzehnte vergangen. Das Gebiet, das sich mir erst mit der Zeit als„der Spittelberg“ erschloss, hatte für mich damals keinen Vorschein dessen, was es heute repräsentiert: Ein schmuckes Altstadtgrätzel mit iungem, urbanem Publikum, das die zahlreichen schicken Lokale belebt, deren Schanigärten in den Sommermonaten die verkehrsfreien Gassen kolonisieren so wie die Ausschankbuden und Kunstgewerbestände in der Weihnachtszeit. Wenn ich zurückblicke, erinnere ich mich nicht nur an die baufälligen Gebäude, sondern vor allem auch an die Begegnungen und Gespräche mit Menschen, die hier lebten. Heute ist nicht nur ein Großteil des alten Häuserbestands saniert, auch die Bevölkerung ist eine andere: urbane Boheme statt volks- tümlich-proletarische Schichten.
Das Zentrum Amerlinghaus in der Stiftgasse 8 bildete damals den Drehpunkt einer sozialen Bewegung, die sich in den frühen 1970er—Jahren als Protest formiert hatte: gegen die Strategie von Grundstückspekulanten und privaten Hausbesitzerlnnen, den alten Hausbestand bis auf Abbruchreife verfallen zu lassen, um an dessen Stelle profitable Garagen und Büroblocks zu errichten; gegen die modernisierungstheoretischen Visionen einer technokratischen Stadtplanung, den Substandard-Altwohnungsbestand großflächig abzutragen und durch zeitgemäß ausgestattete kommunale Wohnbauten zu ersetzen, um auf diese Weise zur Hebung und Gewährleistung der allgemeinen Lebensqualität beizutragen. Unterstützt von Anrainerinnen und Anrainern, die eine gewaltsame Verdrängung befürchteten und sich gegen Hauseigentümerinnen und Hauseigentümer, Umwidmungs- und Neubaupläne zu Wehr setzten, und initiiert von einer Gruppe aktiver Künstlerinnen, Architektlnnen und StudentInnen, die sich für den Erhalt und die Sanierung der historischen Bausubstanz mobilisierten, gelang es der Protestbewegung 1973, die Stadt darauf einzulenken, das Gebiet des Spittelbergs mit seinen teilweise denkmalgeschützten Häusern unter „Ensembleschutz“ zu stellen. Damit war einer großflächigen Abriss- und Neubautätigkeit ein Riegel vorgeschoben. Zugleich kündigte die Gemeinde, mittlerweile Eigentümerin eines Großteils der umstrittenen Objekte, eine umfassende Sanierung an.
Der Konflikt war damit jedoch noch nicht ausgeräumt. Umstritten blieb die Art der Sanierung. Die Protestbewegung, die als lnteressensgemeinschaft Spittelberg an Sichtbarkeit und Mächtigkeit gewann, forderte von der Stadt ein konkretes Bekenntnis zu einer sozial verträglichen und demokratischen Revitalisierung, einerseits zur Vermeidung eines Hinaussanierens der lokalen Bevölkerung, andererseits in Hinblick auf das Ziel einer Stärkung zentraler urbaner Funktionen wie Kommunikation, Nachbarschaft, Kultur. Freizeitgestaltung, Erholung usw.
Zentrale Inhalte des Forderungskatalogs bildeten die Berücksichtigung von Grünflächen und Fußgängerlnnenzonen, die gemeinschaftliche Nutzung von Plätzen und lnnenhöfen sowie die Schaffung von selbstorganisierten Gemeinschaftseinrichtungen. Unzufriedenheit mit der trotz diverser Absichtserklärungen untätigen Stadtverwaltung erhöhte von Jahr zu Jahr den öffentlichen Druck. 1973 wurde ein eintägiges Spittelbergfest angesetzt, 1974 eine Spittelbergwoche, 1975, mit Genehmigung der Stadt, im Rahmen der Wiener Festwochen ein Viertagesfestim leer stehenden und vom Abriss bedrohten Amerlinghaus, dessen Erhaltung und Widmung als multifunktionales Stadtteilzentrum, das allen Bevölkerungsgruppen offen stehen sollte, eine zentrale Forderung der IG Spittelberg bildete. Das Fest war mit über 3.000 Besucherinnen und Besuchern ein durchschlagender Erfolg.
Am dritten Tag wurde die Besetzung ausgerufen. ln einer öffentlichen Versammlung mit Vertreterlnnen der Gemeinde Wien kam es zur Verabschiedung einer Resolution. In der gefordert wurde. das Amerlinghaus als selbstverwaltetes Kultur— und Kommunikationszentrum einzurichten.
Die Besetzerlnnen blieben im Haus und installierten eine Art Modellbetrieb, während gleichzeitig am inhaltlichen Konzept weitergearbeitet und mit der Gemeinde verhandelt wurde. Vor allem Jugendliche und Kinder, viele von ihnen aus der Nachbarschaft, suchten das Haus auf, eigneten es sich rasch an. Im Oktober 1975 musste der Betrieb eingestellt werden, die gemeindeeigene Baugesellschaft Gesiba übernahm die Sanierung des Hauses. Ein mühsamer, lang-wieriger, kräfteraubender Weg der Verhandlungen mit der Stadt um Widmung und Nutzung, Betriebs- und Finanzierungskonzept begann. Am 1. April 1978 wurde das Amerlinghaus als selbstverwaltetes, von der Gemeinde Wien voll subventioniertes Kultur- und Kommunikationszentrum in Betrieb genommen.
II.
Vom Kampf um den Spittelberg und der Besetzung des Amerlinghauses ging stadtweit Signalwirkung aus. Ein Jahr später kam es zur Besetzung des Schlachthofgeländes St. Marx (Arena). Danach folgten Hausbesetzungen in der Windmühlgasse, der Aegidi-lSpalowskygasse, der Wielandgasse (Ernst Kirchweger Haus), in jüngster Vergangenheit in der Lindengasse. Auch das Amerlinghaus selbst wurde ein zweites Mal Gegenstand einer Hausbesetzung, als im Spätherbst 1980 eine Gruppe von Jugendlichen und autonomen Aktivistinnen und Aktivisten, die für das Recht auf freie Rasenbenutzung im Burggarten sowie für ein au- tonomes Zentrum kämpften, das im darauffolgenden Jahr in der Gassergasse entstehen sollte, sich im Amerlinghaus einquartierte, um gegen Kommerzialisierungstendenzen (dies richtete sich gegen die Neuausrichtung des anfangs nicht kommerziell geführten Beisls) und eine Aufweichung der Autonomie- und Selbstverwaltungsansprüche, zu der es mit der Etablierung des Betriebs gekommen war, zu demonstrieren.
In einem Aufsatz Vom Scheitern und Überleben eines Experiments schrieb ich 1982: „Mich selbst konfrontierte diese zweite Besetzung mit jenen Ideen und Vorstellungen über Selbstverwaltung, für die ich doch stets und über lange Jahre hinweg eingetreten war und gekämpft hatte. Ich hatte mich im Amerlinghaus der Realität gebeugt, einen Kompromiß zu finden versucht zwischen der kaum umzusetzenden Radikalität eines gedachten Selbstverwaltungsmodells und einer akzeptablen Form der Koexistenz mit der Gemeinde. Uns erschien diese Besetzung zwar als eigenartiger und sich rasch verflüchtigender Spuk, doch wie nie zuvor wurde uns das Scheitern unseres eigenen Anspruchs vor Augen geführt. Da saßen nun die ‚Kinder‘ unseres Amerlinghauses und rebellierten gegen ihre .Eltern‘, da riefen wir die Besucher und Benützer des Hauses zu Hilfe. die sich regelmäßig seit Jahren Woche für Woche im Hause trafen, doch sie zeigten sich an unseren Ausführungen desinteressiert, im höchsten Maße jedoch aufnahmefähig für die Kritik der Besetzer. Hier wurde uns mit einem Mal bewußt, daß die Mühle angefangen hatte zu mahlen. Die Mitarbeiter überlegten ebenso ernsthaft den Einsatz von Polizei wie sie ihn wieder verwarfen. Man befürchtete. daß die Gemeinde den Geldhahn zudrehen und damit der Existenz des Zentrums ein Ende bereiten werde. Doch uns wurde bewußt, daß diese unsere Ängstlichkeit gegenüber der Stadtverwaltung viel weniger auf Realitäten gründete als auf eingebildetem und verinnerlichtem Druck in unsere Köpfen. Und wir spürten, daß unsere Angst vor der willkürlichen Gewalt des Rathauses auch aus dem Umstand resultierte, der sich mit der Besetzung bewahrheitet hatte und schon lange wie ein Damoklesschwert über dem Amerlinghaus geschwebt war: Die Basis hatte sich entzogen und das Zentrum war zu einer etablierten Institution geworden, die auf keine Bewegung mehr zurückgreifen konnte. Vielleicht mußte das Amerlinghaus dies schmerzhafter als andere Einrichtungen erfahren, da es in Wien das erste seiner Art war und sowohl ‚von unten‘ wie ‚von oben“, sowohl von der Basis als auch von der Gemeinde, mit besonderen Ansprüchen und Erwartungen konfrontiert worden war.“1
Die auch rückblickend erstaunliche Zwitterstellung des Amerlinghauses. einerseits einem radikaldemokratischen Anspruch auf Selbstverwaltung verpflichtet, andererseits in vollständiger direkter Subventionsabhängigkeit, ist historisch kontextualisiert. Dem Wien der frühen 1970er-Jahre war eine lebendige, offene. Routinen und Traditionsinhalte aufbrechende Urbanität weitgehend fremd. Es fehlte an offenen Räumen der Begegnung; an Orten freier und selbstbestimmter Kreativität; an Autonomiesphären, sei es in der Jugend-, Kultur- oder Stadtteilarbeit; an Zutrauen in die Demokratiefähigkeit der Bürgerinnen und Bürger. Die ersten Ansätze einer dezentralen, alternativen Kulturarbeit entfalteten sich im Schoß der paternalistisch aufgespannten sozialdemokratischen Hegemonie. wie etwa der Z-Club (die Zentralsparkasse war damals noch im Eigentum der Stadt Wien), die alternativen Festwochen in der Arena oder eben das Amerlinghaus, nicht zufällig im siebten Bezirk. eng verbaut, mit einem hohen Anteil an Substandard-‚ vielfach auch großen, wenngleich ungenügend ausgestatteten Wohnungen, in denen sich jüngere Leute in Wohngemeinschaften einrichteten.
Die 1970er-Jahre waren charakterisiert durch eine allgemeine Aufbruchsstimmung. geprägt noch vom Geist der 1968er—Bewegung und von Bruno Kreisky, eine Zeit nachholender Modernisierung, die sich anfangs eher künstlerisch und publizistisch (man denke nur an das Neue Forum oder die Neue Freie Presse von Günther Nenning, die Jugendfernsehsendung Ohne Maulkorb oder die Musicbox in Ö3), zunehmend jedoch politisch manifestierte, als urban social movements mit ihren Ansprüchen auf ein „Recht auf Stadt“, wie es Henri Lefebvre formulierte, auf die kollektive Teilhabe an den schöpferischen Überschüssen des Urbanen, auf kulturelle Identität und politische Selbstbestimmung.2 Im Kampf um den Spittelberg und das Amerlinghaus kristallisierten sich diese Ansprüche erstmals auf einer breiteren gesellschaftlichen Basis (und eng verwoben mit den sich vielfältig artikulierenden Bewegungen von Antipsychiatrie, Anti-AKW, Frauenbewegung) heraus, nicht nur als ein Recht auf Anwesenheit, Nutzung und sozialräumliche Aneignung, sondern vor allem auch als fundamentale Kritik an einer nicht-demokratischen Stadtplanung sowie als Forderung nach Einbindung in die Diskussion um Stadtpolitik und Stadtentwicklung.
Es ist insofern kein Zufall, dass es vor allem auch junge Architektlnnen und Stadtplanerlnnen waren, die sich für das Amerlinghaus engagierten und dabei die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit mit Ansprüchen auf Partizipation verknüpften. Der radikaldemokratische Anspruch auf Selbstverwaltung war im Amerlinghaus nicht abstrakt formuliert, sondern von Anfang an mit einem integrierten Konzept einer alternativen stadtteilbezogenen Kinder-, Jugend-, Alten-, Bildungs- und Kulturarbeit verbunden.
Dem Sog des sozialdemokratischen Reformzeitalters und des gesellschaftlichen Gestaltwandels nicht gänzlich entzogen, reagierten die Verantwortlichen der Stadt Wien zögernd, abwartend, teils auch repressiv, vor allem aber Vereinnahmend. Diese Haltung der Stadt erklärt sich aus einer spezifisch Wiener Tradition des paternalistischen kommunalen Wohlfahrtsstaats. In einer Art Renaissance des austromarxistischen Konzepts der Öffentlichkeit3 hatten in den 1970er-Jahren Widerstand und Gegenöffentlichkeit nur wenig Chancen auf Durchsetzung. Sie wurden inhaliert, in den sich flexibel zeigenden Machtkörper inkorporiert, verschluckt, eingemeindet, jedenfalls pazifiziert. Dies war auch das Schicksal der in langwierigen Verhandlungen mit der Gemeinde erkämpften Selbstverwaltung. Auf der anderen Seite war es nicht unbequem, in einem Haus mit einem alternativen Anspruch zu leben und zu arbeiten. Der Anspruch auf Autonomie entpuppte sich bald als Illusion. Diesen Widerspruch trägt das Amerlinghaus bis heute in sich.
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Wer heute durch den Spittelberg streift, spürt eine seltsame Spannung zwischen dem Haus und seiner nahezu vollständig von bürgerlich-urbanem Hedonismus und Creative Industries erschlossenen Umgebung. So erhält das Amerlinghaus zusehends einen geradezu anachronistischen Charakter. Man trifft hier Menschen, die nicht in den umliegenden Restaurants anzutreffen sind; Ideen und Projekte, die nicht Gegenstand der Bargespräche sind; kulturelle, politische und Bildungsprogramme, die kaum wo sonst in der Stadt ihren Platz finden: den Verein Romano Drom und die Vienna Gipsy Music School, die iranische Seniorengruppe Aschiane, die Arbeitsloseninitiative AMSand und die Grauen Panther, die PatientInneninitiative Kuckucksnest und den Verein Libertine, das Zentrum Edition Exil oder den Runden Tisch Grundeinkommen, um nur einige der zahlreichen Gruppen und Initiativen zu nennen, die, neben Kindergruppe und der Altenarbeit des Aktiven Zentrum, im Amerlinghaus zusammenkommen, um ihr Recht auf Stadt zu verwirklichen.
In einer radikal veränderten Umwelt wirkt das Amerlinghaus wie ein Stachel gegen die fortschreitende Ökonomisierung des Kulturellen und Sozialen. Welche Visionen hat die sozialdemokratische Stadt? Es mag bleiben, wie es ist, sagen die einen, und fügen hinzu: mit geringerer Subvention und mehr Selbstfinanzierung. Es soll eine neue Funktion erhalten, sagen andere, und hinter vorgehaltener Hand: als Beauty-Farm im biedermeierlichen Ambiente; als innenstadtnaher Ort für transnationales Couchsurfing; als kreativ-industrieller Swingerclub. Das Amerlinghaus darf keine Tiefgarage werden!
1 Christof Reinprechtc Das Amerlinghaus: Vom Scheitern und Überleben eines
Experiments. in: Hubert C. Ehalt, Ursula Knittler—Lux. Helmut Konrad (Hg.):
Geschichtswerkstatt, Stadtteilarbeit. Aktionsforschung. Perspektiven emanzipato-
rischer Bildungs- und Kulturarbeit. Wien 1984, S. 183—194.
2 Henri Lefebvre: Le Droit a la Ville. Paris 1968.
3 Vgl, Oskar Negt. Alexander Kluge: Öffentlichkeit und Erfahrung. Frankfurt a. M.
1972.
CHRISTOPH REINPRECHT, Professor für Soziologie an der Universität Wien, von 1979 bis 1983 fest angestellter Mitarbeiter im Amerlinghaus, seit 2009 Obmann des Verein Kulturzentrum Spittelberg, des Trägervereins des Amerlinghauses.
